Viel erreicht, aber noch mehr zu tun – Fachtagung mit realistischer Einschätzung

Die Fachtagung zu Chancen & Grenzen der Jugend(sozial)arbeit mit jungen Geflüchteten war eine erfolgreiche Veranstaltung, welche die Einbindung Geflüchteter thematisierte und Erfolge, aber auch Defizite der Politik und Jugendsozialarbeit in Nordrhein-Westfalen aufzeigte. Fünf Organisationen und zahlreiche Kooperationspartner, darunter die djoNRW unter dem Schirm des Landesjugendringes, hatten zu der Veranstaltung am 7. Februar in die Stadthalle Mühlheim eingeladen. Hier konnten die vielen Gäste kritische Fragen stellen und gesamtgesellschaftliche Herausforderungen diskutieren.

Das Motto der Tagung „Viel erreicht! Viel zu tun!“ hatte nicht zu viel versprochen und zog großes Interesse auf sich. Rund 600 Besucherinnen und Besucher kamen nach Mühlheim an der Ruhr. Die meisten hatten sich in der Vergangenheit bereits selbst mit dem Thema befasst und junge Geflüchtete bei Ankunft, Integration oder Bildung unterstützt. Andere Gäste suchten bei der Fachtagung Informationen und ehrliche Antworten auf viele Fragen zum Thema Jugend(sozial)arbeit mit jungen Geflüchteten.

Beim Markt der Möglichkeiten präsentierte sich auch der Landesjugendring. (Quelle: djoNRW)
Beim Markt der Möglichkeiten präsentiert sich auch der Landesjugendring. (Quelle: djoNRW)

Erfahrungen austauschen

Den Auftakt der Fachtagung gestaltete am frühen Morgen ein Markt der Möglichkeiten. Hier verschafften sich die Gäste einen Überblick über die Angebote der freien Träger für und mit jungen Geflüchteten und bekamen Informationen aus erster Hand. Auch der Landesverband NRW der djo-Deutsche Jugend in Europa war vertreten. Seit 2016 engagiert sich die djoNRW mit anderen Trägern in dem Projekt „Jugendverbandsarbeit mit jungen Geflüchteten“. „In dieser Zeit haben wir mit über 75 verschiedenen Projekten in allen Bereichen der Jugendverbandsarbeit mehrere hunderte Jugendliche erreichen können“, sagte Maya Yoken, die für die Leitung des erfolgreichen Projekts verantwortlich ist. Gemeinsam mit Petrus Atalay von Suryoye Ruhrgebiet e.V. nahm sie stellvertretend für die djoNRW an der Veranstaltung teil.

Genauso spannend, wie etwa die Erfahrung, die ein Jugendverband bei der Arbeit mit jungen Geflüchteten gemacht hat, war die Frage, wie die Politik das Thema bewertet und angeht. Nach der offiziellen Begrüßung durch Ulrich Scholten, Oberbürgermeister von Mülheim an der Ruhr, ergriff Dr. Joachim Stamp das Wort. Er ist stellvertretender Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen und Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Für Stamp sei das Thema der Jugend(sozial)arbeit mit jungen Geflüchteten in NRW von elementarer Bedeutung und die Politik sei sich bewusst, dass sie an diesem Thema dranbleiben muss und weiter unterstützen werde. Der Minister gab einen Ausblick, dass sein Ministerium weitere förderliche Strukturen umsetzen möchte. Die Besucher nahmen das positiv auf, „aber warten wir mal ab was davon wirklich realisiert wird“, gab eine junge Teilnehmerin kritisch zu bedenken.

Gut gelaunt und viele Informationen für die Gäste. (Quelle: djoNRW)
Gut gelaunt gibt es viele Informationen für die Gäste. (Quelle: djoNRW)

Diskussionen sollen bewegen

Das offene Wort herrschte auch bei der Podiumsdiskussion, an der neben Dr. Stampf auch Dr. Karin Böllert (Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Münster), Helga Rolf (Leiterin des Jugendamtes Lippstadt), Dr. Rainer Kascha (Fachreferent Jugend- und Kulturarbeit Rheinland, Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW) und mit Kawa Eibesh (BUNDjugend NRW) und Yacouba Coulibaly (Student der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Armut und (Flüchtlings-) Migration) auch zwei junge Geflüchtete teilnahmen. Bei dieser Zusammensetzung trafen Politik, Theorie und Praxis aufeinander, was zu einem lebhaften und kontroversen Meinungsaustausch führte. Dabei gab es keine Zurückhaltung, die Politik mit Kritik, dem Aufzählen von Defiziten und dem notwendigen Nachholbedarf in der realen Ausgestaltung der Jugend(sozial)arbeit mit jungen Geflüchteten zu konfrontieren. So wurden etwa klare Fakten vorgebracht, die den Zuwachs rechten Gedankenguts verdeutlichten.

„Das ist der richtige Weg. Nur wenn offene Fragen und Mängel direkt angesprochen werden, kann man sie abstellen“, so ein Teilnehmer im Publikum. Dass längst nicht alles gut laufe und der Weg noch lang ist, zeigte eine Abstimmung per Balleinwurf. Auf die Frage ob bisher „viel erreicht“ oder noch „viel zu tun“ sei, stimmten über dreiviertel der Anwesenden für letzteres.

„Junge Geflüchtete warten auf ihre Duldung, Angestellte in der Sozialarbeit und Jugendverbandsarbeit warten auch – auf Bewilligungen für Projekte, was eine Nachhaltigkeit einschränkt“, stellte Yacouba Coulibaly fest. Er verglich seine Situation mit der seiner neu gewonnen Freunde, welche Projekte in der Jugendsozialarbeit anböten. Das „Warten“ behindere hierbei und er empfinde es als einen unmenschlichen Zustand – für alle Beteiligten. Durch diese verlorene Zeit bleiben viele Möglichkeiten auf der Strecke, was auch andere Teilnehmende der Tagung aus ihrer Erfahrung bestätigen konnten.

Abseits der Podiumsdiskussion bleibt Zeit für den persönlichen Austausch. (Quelle: djoNRW.de)
Abseits der Podiumsdiskussion bleibt Zeit für den persönlichen Austausch. (Quelle: djoNRW)

Eine Tagung zum Nachdenken

Mit einer humorvollen und durchaus kritischen Moderation führte Michel Abdollahi durch den Tag. Er fand die richtigen Worte auch bei schwierigen Themen. Zu der Fachtagung, die vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration NRW unterstützt wurde, hatten fünf Organisationen eingeladen: die AGOT – Arbeitsgemeinschaft Offene Türen NRW e.V., der Landesjugendring NRW e.V., die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit NRW, das Paritätische Jugendwerk NRW und die Landesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit NRW e.V. Alle Organisationen engagieren sich seit langem im Bereich der Jugend(sozial)arbeit mit jungen Geflüchteten. Lobenswert erschien das gute Tagungsformat, die sehr gelungene humorvolle Moderation, die keine Langeweile aufkommen ließ, und die gute Atmosphäre, die den ganzen Tag über herrschte.

In wenigen Worten zogen die Vertreterinnen und Vertreter der djoNRW ihr Fazit: „Interaktiv, humorvoll und motivierend – ernüchternd, enttäuschend und besorgniserregend“. Klare Worte, die belegen, dass die Veranstaltung zum Nachdenken anregte und damit ein Ziel auf jeden Fall erreicht hatte. Bis wann ist man ein „Geflüchteter/Flüchtling“? Wird man diese Rolle jemals los? Ist man nach seinem Titel als „Flüchtling“ ein Migrant und wird man diesen Titel dann niemals los? Diese Fragen werden noch beantwortet werden müssen.

Autor: Dr. Cristian Kahl