Fachtagung zeigt Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten

Spannende Vorträge und Diskussionen bekamen die Gäste der Fachtagung geboten. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Interessante Vorträge und Diskussionen bekamen die Gäste der Fachtagung geboten. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Rund 140 Teilnehmer kamen zur ‚Fachtagung zur pädagogischen Arbeit mit jungen Roma‘ nach Düsseldorf. Informationen bekommen und eigene Erfahrungen mit anderen teilen, standen im Vordergrund der Veranstaltung. Die ganztägige Tagung bildete zugleich den Abschluss des djoNRW Projektes ‚be young & roma‘, das nun nach 3-jähriger Laufzeit enden wird. Das Programm der Fachtagung bot Vorträge und Workshops, aber auch ausreichend Zeit für lebhafte Diskussionen. Ein Höhepunkt des Tages war die Rede von Zoni Weisz. Der 77-jährige ist ein niederländischer Sinto und überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust.

Das zakk in Düsseldorf – Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation – bot den zahlreichen Teilnehmern optimale Bedingungen, um das große Thema der Integration junger Sinti und Roma zu hinterfragen und von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Miteinander reden, seine Meinung klar äußern und Probleme offen ansprechen. Nur so finden sich Lösungswege. (Dr. Christian Kahl)

Miteinander reden, seine Meinung klar äußern und Probleme offen ansprechen. Nur so finden sich Lösungswege. (Dr. Christian Kahl)

Großes Interesse – „Ein Tag reicht fast nicht aus“
Merfin Demir, Leiter des Projektes ‚be young & roma‘, war sichtlich erfreut über die große Beteiligung. „Wir hatten mehr Anmeldungen als gedacht. Dass das zakk heute so voll ist, zeigt das Interesse sich über dieses Thema zu informieren und gleichzeitig den Bedarf sich darüber mit anderen Menschen auszutauschen. Der Zuspruch ist auch eine Bestätigung unserer 3-jährigen Arbeit im Projekt ‚be young & roma‘.“
In Workshops und Vorträgen gab es für die rund 140 Gäste an diesem Tag die Möglichkeit sich mit dem Thema der Integration junger Roma in Deutschland intensiv zu beschäftigen. „Ein Tag reicht fast nicht aus“, meinte eine Teilnehmerin zum Ende der Veranstaltung. „Vieles wurde angesprochen, doch für manches reicht dann leider die Zeit nicht.“ Gespannt erwarteten die Teilnehmer den Vortrag von Zoni Weisz. Als kleines Kind überlebte der 1933 in Den Haag geborene Sinto den Holocaust nur durch Zufall. Er musste mit ansehen, wie seine Familie nach Ausschwitz deportiert wurde.

Ergreifende Worte und flammende Appelle richtete Zoni Weisz an die Zuhörer. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Ergreifende Worte und flammende Appelle richtete Zoni Weisz an die Zuhörer. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

„Pass auf meinen Jungen auf“
Es war nahezu totenstill im Saal, als Zoni Weisz, ein Überlebender des Holocaust und Mitglied des Niederländischen und Internationalen Auschwitz-Komitees, seine Erlebnisse schilderte. Obwohl das NS-Regime seit fast 70 Jahren der Vergangenheit angehört, sind die Erinnerungen noch immer präsent. Das letzte Bild, dass er von seiner Familie vor Augen habe, sei der Zug in dem seine Familie und Freunde zusammengepfercht auf die Abfahrt in das „Zigeunerlager Ausschwitz“ warten. Er höre noch die Stimme seines Vaters, der verzweifelt ruft, ‚Pass auf meinen Jungen auf.‘ „Das Bild hat sich für immer auf meiner Netzhaut eingebrannt“, erklärt der heute 77-jährige leise und mit Tränen in den Augen. Bei seinen Erzählungen gerät Zoni Weisz immer wieder ins Stocken.
Zoni Weisz ist Sinto und nur durch ein Wunder dem Abtransport in ein Vernichtungslager entgangen. Seine Eltern und die drei jüngeren Geschwister hat er nie wieder gesehen. Ein niederländischer Polizist, Mitglied des Widerstands, verhalf dem damals 7-jährigen Jungen zur Flucht in einen anderen Zug, dessen Ziel nicht das Vernichtungslager Ausschwitz war. Bei Verwandten fand Weisz später Zuflucht. Dennoch: „Als Kind von 7 Jahren fiel ich in ein tiefes Loch“, erinnert er sich noch gut an damals.
Die Erlebnisse des Jahres 1944 sind Zoni Weisz tief in der Seele eingebrannt. Doch schaut er entschlossen nach vorne: „Ich will die Hoffnung aussprechen, dass unsere Lieben nicht umsonst gestorben sind. Wir müssen eine bessere Welt bauen“. Und so widmete er sein Leben dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und für eine Verständigung unter den Menschen verschiedener Herkunft.

Zwischen und nach den Vorträgen wurde immer wieder kontrovers diskutiert. (Dr. Christian Kahl)

Zwischen und nach den Vorträgen wurde immer wieder kontrovers diskutiert. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

„Werden Sie nicht zu Wegguckern und Mitläufern“
Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, gab es zu allen Zeiten. Für Roma und Sinti sei die Ausgrenzung im Nationalsozialismus nichts Neues gewesen. „Aber leider sind Xenophobie und Rassismus in weiten Teilen Europas noch immer aktuell. Werden Sie nicht zu Wegguckern und Mitläufern“, appelliert Zoni Weisz an die Zuhörer. „Wie war es möglich, dass so viele unschuldige Menschen ermordet wurden?“, fragt er das schweigende Publikum.
Etwas Xenophobie stecke in jedem von uns drin, führt Weisz aus. Das sei eine normale Reaktion, doch die Menschen sind gar nicht so verschieden. „Die neue Generation Deutsche ist wie die Generation Holländer oder Belgier.“ Vorurteile und Ressentiments können nur verschwinden, wenn man mit einander spricht und die Herkunft und Kultur seines Gegenübers kennen und verstehen lerne. Das gelte besonders für Sinti und Roma. „Als Minderheit dürfen wir uns nicht isolieren und in uns kehren. Wir müssen uns öffnen, unsere Kultur und unsere Persönlichkeit.“
„Eine zivilisierte Gesellschaft respektiert die Menschenrechte. Und so müssen auch Roma in Europa die gleichen Rechte bekommen, wie jeder andere“, lautet die Forderung Weisz. Für sein Engagement der Völkerverständigung wurde Zoni Weisz von der niederländischen Königin Beatrix zum Offizier des Ordens von Oranien-Nassau ernannt. 2012 zeichnete ihn Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz aus.

In verschiedenen Workshops wurden spezielle Themen intensiv hinterfragt und bearbeitet. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

In verschiedenen Workshops wurden spezielle Themen intensiv hinterfragt und bearbeitet. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Erfahrungen aus der Praxis
Einen Blick auf die praktische Arbeit, und damit holte er die Zuhörer wieder in die Gegenwart, gab Ali Şirin vom Planerladen e. V., Dortmund. Die Organisation betreut Projekte und Maßnahmen zum Abbau von Benachteiligungen und Fremdenfeindlichkeit sowie zur Förderung des friedlichen Zusammenlebens von Nachbarn unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft. Mit einem Vortrag und anschließender Diskussion zum Thema „Jung und aktiv – wie junge Roma sich aktiv einbringen“ berichtete Ali Şirin von seinen Erfahrungen, den Erfolgen und Schwierigkeiten bei der Integration junger Roma.
Auf das Wissen aus der Praxis griffen auch die Thementische mit anschließenden Workshops zurück, die am Nachmittag auf der Agenda standen. Die Bandbreite war hier sehr ausgewogen: Diversität, Methodenhandbuch Antiziganismus, Schulmediation in der Praxis, Antidiskriminierungsarbeit mit jungen Roma, Aufsuchende Arbeit & Streetworking, Soziale Arbeit mit jungen Frauen und Selbstorganisation und Jugendverbandsarbeit. Die Frage, an welchem Workshop nehme ich teil, war bei dieser Auswahl nicht leicht zu beantworten.

Sami Dzemailovski konnte viel aus der Praktischen Arbeit mit jungen Roma berichten. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Sami Dzemailovski konnte viel aus der Praktischen Arbeit mit jungen Roma berichten. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

„Empowerment“ – ein Lösungsweg
Bei der Arbeit mit jugendlichen Roma ist es wichtig, auch über die eigentliche Zielgruppe hinaus zu wirken. „Wir müssen gezielt auf die Jugend zugehen – und auf die Erwachsenen, die Eltern. Wir wollen die ganze community zum Aufwachen bringen“, sagte Sami Dzemailovski, Projektkoordinator von Amaro Drom e.V. Er leitete an diesem Tag den Workshop zum Thema „Antidiskriminierungsarbeit mit jungen Roma“.
Den Schwerpunkt seiner regelmäßigen Arbeit mit jungen Sinti und Roma sieht er im Empowerment, der Stärkung der Jugendselbstorganisationen. Jugendliche sollen beim Empowerment in die Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden und selbst einen Teil der Verantwortung tragen. „Bei unserer Arbeit heißt es ‚dran bleiben‘. Wenn du die Jugendlichen erreicht hast, heißt das nicht, dass sie dabei bleiben. Deshalb ist es so wichtig, einerseits die Verantwortung der Jugendlichen zu stärken und andererseits die Eltern miteinzubeziehen. Sie können die Jugendlichen in ihrer Entwicklung zusätzlich stärken“, weist der erfahrene Projektkoordinator auf Herausforderungen seiner Arbeit hin.

Tatjana Weber vom Landesvorstand der djoNRW gab einen Rückblick auf das Projekt. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Tatjana Weber vom Landesvorstand der djoNRW gab einen Rückblick auf das Projekt. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Ein Projekt geht zu Ende, doch es geht weiter
Gegen Vorurteile anzukämpfen, Roma und Nicht-Roma bei Veranstaltungen zusammenzuführen und jugendliche Roma bei ihrer individuellen gesellschaftlichen Integration zu unterstützen, waren wesentliche Ziele des Projektes ‚be young & roma‘, das der Landesverband Nordrhein-Westfalen der djo-Deutsche Jugend in Europa in Kooperation mit der Interkulturellen Jugendorganisation von Roma und Nichtroma in Nordrhein-Westfalen, Terno Drom e. V. und der Städtischen Jugendfreizeiteinrichtung V24 der Landeshauptstadt Düsseldorf in den vergangenen drei Jahren unterstützt hat. Das Projekt wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie der Aktion Mensch gefördert.
Tatjana Weber, stellvertretende Landesvorsitzende NRW der djo-Deutsche Jugend in Europa, ist mit dem Ergebnis sichtlich zufrieden. „Die Angebote in den letzten drei Jahren waren bewusst breit gefächert, um möglichst viele Jugendliche zu erreichen. Die Frage nach der eigenen Identität beantworteten die jungen Roma in Worten, Bildern, Aktionen und Interaktionen sich und anderen. Mal laut auf Festen, sportlichen Wettkämpfen, Kundgebungen oder Seminaren – und manchmal auch leise, jeder für sich.“
Das Projekt geht nun dem Ende entgegen, doch die Verantwortlichen haben noch einiges vor: „Wir haben eine hervorragende Grundlage geschaffen. Vertrauen und gegenseitiger Respekt wurde an vielen Stellen aufgebaut. Hier müssen wir dran bleiben“, erklärt Merfin Demir den eigenen Anspruch.

Autor: Dr. Christian Kahl