Der Folklorekreis Gütersloh im Interview: „Unser Tanz verbindet Generationen“

Das große Finale einer gelungenen Veranstaltung. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Das große Finale einer gelungenen Veranstaltung. Davor fand man Zeit für ein Interview.  (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Vor dem großen Abend (vgl. den Beitrag „Europa zu Gast in Gütersloh – Folklorekreis feiert 40-jähriges mit internationalen Gruppen“) standen drei Vertreter des Folklorekreis für ein Interview bereit: Georg Chatzigeorgiou (Organisationsleitung), Andrea Schiller (Stellvertretende Organisationsleitung) sowie Peter Rohde (Tanzleitung) gaben einen Blick hinter die Kulissen.

 

Der Folklorekreis Gütersloh hat sich in den 40 Jahren ein breites Repertoire an Tänzen angeeignet. Zu den gut 150 Tänzen gehören deutsche Volkstänze, aber auch ein großer Anteil an internationaler Folklore – von Irland bis Russland, von Schweden bis Israel. Wie kommt ihr auf die neuen Tänze? Wie schnell erlernt man einen neuen Tanz?

Peter: Das ist ganz unterschiedlich und wir haben im Laufe der Jahre verschiedene Ansätze, die letztendlich unser Repertoire so vielfältig machen. Zum einen bekommen wir über Lehrgänge neue Tänze mit. Zusätzlich sind wir selbst aktiv geworden und haben vor einigen Jahren einen Verbund der Volkstanzgruppen aus dem Kreis Gütersloh gegründet, „Der Kreis tanzt“. Über diesen Verbund haben wir mehr als ein Dutzend neue Tänze aufgenommen. Und natürlich profitieren wir auch von unseren Reisen ins Ausland. Wenn wir unterwegs sind, bringen wir uns meist neue Tänze mit.

Georg Chatzigeorgiou ist für die Organisationsleitung verantwortlich. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Georg Chatzigeorgiou ist für die Organisationsleitung verantwortlich. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Georg: Aber jeder neue Tanz erfordert viel Übung und Konzentration. Selbst einfache Tänze erfordern mehrere Übungsabende. Dass man die Tänze so oft übt, ist ganz wichtig. Vieles ist dann irgendwann automatisch und man denkt nicht über die einzelnen Schrittfolgen und Figuren nach. Und wenn mal etwas nicht so läuft, wie geplant, ist das auch nicht so schlimm. In erster Linie soll es Spaß machen. Das ist auch für die Zuschauer wichtig. Wir sind nur authentisch, wenn wir Spaß haben.

Der Spaß und die Freude am Live-Auftritt gilt auch für eure eigene Musikgruppe. Lange Zeit waren es drei Akkordeons. Nun sind noch zwei weitere Musiker dazukommen.

Andrea: Ja, inzwischen haben wir noch eine Klarinette und eine Geige hinzubekommen. Das eröffnet uns auch für die Tänze neue Möglichkeiten. Wenn jetzt noch ein Bass dazukäme, wäre es toll. Wir halten Augen und Ohren auf und wenn jemand Lust hat, soll er sich bei uns melden.

Für den Zuschauer sind die Tänze und Musik beste Unterhaltung, aber auch eure Trachten sind ein echter Hingucker. Neben den heimischen ostwestfälischen Trachten finden sich auch solche aus dem Böhmerwald, von der Insel Rügen, aus Ostpreußen, Ober- und Niederschlesien, Mähren und Siebenbürgen. Kauft ihr die Trachten oder schneidert ihr sie selbst?

Georg: Die Musiker tragen einheitlich eine westfälische Tracht. Bei den anderen ist Vielfalt und Abwechslung angesagt. Jeder hat da seine eigenen Favoriten, wenn es um Trachten geht. Fast alles wird selbst genäht. Das bedeutet schon im Vorfeld einiges an Arbeit: Zunächst sorgfältig recherchieren, dann das Material besorgen – bei manchen Trachten ist sogar der Stoff selbst gewebt. Erst jetzt kann mit der eigentlichen Arbeit des Schneiderns begonnen werden. Unser Ziel ist es, die jeweilige Tracht so originalgetreu wie möglich herzustellen. Hier hilft uns seit vielen Jahren Uschi Wittreck. Unter ihrer Anleitung sind fast alle Trachten entstanden. Das alles dauert dann schon mal ein halbes Jahr. Gerade die Hauben verlangen eine große Sorgfalt.

Das Motto der Gruppe lautet „Tanzen macht Spaß“. Welche Ziele verbindet ihr damit?

Peter Rohde, von Beginn an dabei. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Peter Rohde, von Beginn an dabei. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Peter: Bei uns steht zunächst das Tanzen im Vordergrund. Das Tanzen selber, das Bewegen nach Musik, ist das Wesentliche, was die Gruppe ausmacht. Wenn wir das noch verbinden können mit dem Gedanken der Völkerverständigung, ist das ein doppelter Gewinn. Unsere Fahrten zu Auftritten im Ausland oder dass wir mal selbst Gastgeber für internationale Gruppen sind, hat uns Europa näher gebracht. Wir sehen das als einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung, um den Frieden in Europa und der Welt zu wahren.

Georg: Ein Ziel ist es auch, dass sich Jung und Alt gleichermaßen bei uns wohl fühlen. Unsere Proben und Auftritte sind anstrengend und verlangen viel Konzentration. Aber dadurch, dass jeder mit jedem tanzt, ist es schon etwas anderes als in einer klassischen Tanzschule. Unser Tanz ist kommunikativer und wir beziehen ohne Unterschiede die Kinder mit ein. Unser jüngster, Leon, ist erst 5 Jahre alt. Wir gestalten unser Programm so, dass auch er mittanzen kann. Bei den einfacheren Tänzen macht er alles mit.

Die Mitglieder des Folklorekreises sind zwischen 5 und 65 Jahren. Gibt es Nachwuchssorgen?

Georg: Unser Tanz verbindet Generationen. Das ist auch wesentlich für uns und wir können derzeit über Nachwuchssorgen nicht klagen. Bei der Größe der Gruppe ist das in Ordnung. Wir haben eine ausgewogene Altersstruktur. Aber natürlich freuen wir uns immer über jeden neuen Tanzbegeisterten, ob älter oder jünger.

Über Workshops begeistert man neue Mitglieder fürs Tanzen. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Über Workshops begeistert man neue Mitglieder fürs Tanzen. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Peter: Wir bieten auch in unregelmäßigen Abständen Workshops an. Das ist dann ein Schnupperangebot, kostenlos und unverbindlich. Beim letzten Workshop waren fünf neue Interessierte dabei und zwei sind geblieben.

Viele Auftritte hatte der Folklorekreis im Ausland. Eure weiteste Reise führte euch nach Ungarn. Was macht den Reiz dieser Fahrten aus.

Andrea: Ich bin nun seit vier Jahren dabei und die Fahrten haben mich von Beginn an beeindruckt. Das Gemeinschaftstanzen mit anderen Gruppen, der Tanz selbst als gemeinsame Basis, brachte immer direkt freundschaftlichen Kontakt. Da ist es dann egal, ob man die jeweilige Landessprache spricht oder sich mit Händen und Füßen unterhält.

Peter: Die Gastfreundschaft, die wir bisher erlebten ist unbeschreiblich. Oft werden aus neu geschlossenen Kontakten langjährige Freundschaften. Man lernt Menschen kennen, die man später auch mal privat besucht und eine gemeinsame Zeit verbringt, fern ab vom Tanzen.

Über 120 in- und ausländische Gäste sind bei euch das Wochenende zu Gast. Sind euch alle Gruppen, die heute auftreten schon lange persönlich bekannt?

Georg: Nein, wir freuen uns, dass wir auch ein paar ganz neue Gruppen begrüßen dürfen und diese auf verschiedenen Wegen zu uns gefunden haben. So ist die Trachtengruppe St. Gallenkirch aus Österreich, die schon Fernsehauftritte hatte, heute ein neuer Gast. Wir haben uns über das Internet kennen gelernt. Mit den Tanzgruppen aus Pfalzdorf, England und Flandern haben wir schon lange freundschaftliche Kontakte und freuen uns, dass sie heute dabei sind. Manche Gruppen haben wir über unsere Verbindungen eingeladen, bei anderen wurde die Stadt Gütersloh aktiv. So sind Gruppen aus den Partnerstädten Rshew (Russland) und Châteauroux (Frankreich) heute und morgen zu Gast.

Die Freude am Tanzen verbindet den Folklorekreis Gütersloh. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Die Freude am Tanzen verbindet den Folklorekreis Gütersloh. (Quelle: Dr. Christian Kahl)

Was ist das Geheimrezept, dass der Folklorekreis Gütersloh nun schon 40 Jahre besteht und stetig gewachsen ist? Wie schafft man es so einen Verein – der ja in Konkurrenz mit vielen anderen Freizeitangeboten steht – am „Leben zu halten“ und so populär zu machen?

Peter: Zum einen ist unser Gruppenzusammenhalt enorm stark. Wir sind eine natürlich gewachsene Gruppe, die aber immer aufgeschlossen für Neues oder neue Mitglieder war. Ebenso ist bei uns die Geselligkeit ganz wichtig. Die geht übers Tanzen hinaus. So feiern wir seit ein paar Jahren schon zusammen Silvester. Jeder, der mag und Zeit hat, kommt dazu. Oder man trifft sich mal ganz unkompliziert zum gemeinsamen Grillen.

Andrea Schiller ist seit vier Jahren mit großer Begeisterung Mitglied des Folklorekreis. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Andrea Schiller ist seit vier Jahren mit großer Begeisterung Mitglied des Folklorekreis. (Quelle: Folklorekreis Gütersloh)

Andrea: Das Beisammensein außerhalb des Tanzens ist uns sehr wichtig. Wir hatten uns mal mit Familien getroffen und haben nun, was die Kinder besonders freut, eine Spielegruppe. In dieser Spielegruppe haben wir selbst ein Krimidinner entwickelt. Als dann die englische Gruppe zu Besuch war, haben wir unser Krimidinner in Englisch umgesetzt. Das war eine riesige Überraschung für unsere Besucher von der Insel. Das stärkt den Zusammenhalt unter den Gruppen. Gleichzeitig versuchen wir mit solchen bunten Aktionen, die nicht nur auf das Tanzen ausgerichtet sind, auch neue Menschen für den Folklorekreis zu begeistern.

Was wünscht ihr Euch für die Zukunft?

Georg: Es wäre schön, wenn die Gruppe mit der guten Stimmung, die jetzt herrscht noch lange weiter besteht und auch neue Mitglieder hinzukommen. Derzeit mach ich mir über den 50. Geburtstag keine Sorgen. Mit der Erfahrung von diesem Jahr, rund ein Jahr Planung, wird uns das leicht fallen (alle lachen). Wir sind ein eingespieltes Team. Und im Ernst: Dies alles funktioniert natürlich nur, wenn tatkräftige Helfer uns unterstützen. Deshalb möchten wir uns an dieser Stelle bei allen bedanken, die einzelne Aufgaben übernommen haben, die unsere Gäste privat beherbergen und uns in anderer Weise unter die Arme gegriffen haben.

 

Der Landesverband der djo-Deutsche Jugend in Europa dankt für das Interview und gratuliert dem Folklorekreis Gütersloh zum 40-jährigen Bestehen. Daran, dass das nächste runde Jubiläum in zehn Jahren ebenso international gefeiert wird, gibt es keinen Zweifel. Die Herzlichkeit der Mitglieder und ihre Freude an Tanz und Musik sind der Garant für ein Fortbestehen.

Das Interview führte Dr. Christian Kahl

Mehr über den Folklorekreis Gütersloh gibt es auf der Homepage.